Stichwortsuche:
Sie befinden sich hier: ' Thriller > Leseproben '


Leseproben

Aus "Still wie der Tod"

Prolog
USA; New York
Der schmale Brustkorb hob sich zitternd. Der Mann war zäh. Er zoomte das zerstörte Gesicht so nahe heran, bis die Poren mit den glitzernden Schweißtröpfchen ausgefransten Kratern ähnelten. Gestochen scharf. Die Auflösung phänomenal. Ein letztes, zitteriges Ausatmen begleitet von einem Schwall Blut. Noch post mortem verharrte sein Opfer in ungläubigem Entsetzen. Im Gegensatz zu seiner Freundin hatte ihm der Mann die Freude gemacht, sich bis zuletzt zu wehren. Er veränderte den Winkel des Reflexschirms und fuhr das Stativ mit der Kamera höher, um eine bessere Draufsicht zu erreichen. Es gab ein Ritual, dem alles zu Grunde lag, doch er legte Wert darauf, jede Zeremonie mit einem neuen Highlight abzuschließen. Er strich eine Haarsträhne aus der blutverschmierten Stirn des Toten und spitzte die Lippen. – Es geschah ohne sein Zutun. Die Melodie brach aus ihm heraus. Wie ein Furunkel, das aufplatzte. Es tat weh. Er pfiff lauter.
Diese harten Hände ...
Wütend schüttelte er sich, verzog die verkrampften Lippen zu einem Lächeln und zwang sich zur Konzentration auf das, was zu tun war.
Erschöpfung löste nach Eintritt des Todes oft vorzeitig Leichenstarre aus, ergo tat er gut daran, sich zu beeilen. Er brachte die Körper für die Abschlussbehandlung in Stellung. Zum Glück waren die Schnitte Routine. Er kam zügig voran und das Pochen hinter seiner Stirn hörte auf.

 

Aus "Alles, was verborgen ist"

Prolog
„Heilige Maria, Hochbegnadete, Gesegnete. Sieh diesen meinen Sohn. Sieh, sein Versagen. Ich bitte dich, befreie mich von seiner Gegenwart. Bitte für diesen Sünder.“
Die Litanei hallte durch sein Gehirn. Plötzlich schwebten die mageren Hände seiner Mutter vor seinen Augen. Durch ihre Finger schlängelte sich der Rosenkranz aus schwarzen Perlen. Oft genug waren die Perlen in seinen kindlichen Träumen zu einer Schlange verschmolzen, die ihn bis in alle Winkel hinein verfolgt und schließlich verschlungen hatte. Schon die bloße Erinnerung jagte ihm kalten Angstschweiß auf die Stirn.
„Heilige Maria! Zu dir rufe ich voller Verzweiflung ...“
Seit seiner Verhaftung trieb ihn seine Mutter mit ihren Beschwörungen in den Wahnsinn. Verzweifelt hatte er sich vorgesagt, dass sie schon seit Jahren in einem Pflegeheim in Oklahoma dahinvegetierte, über achttausend Kilometer von ihm entfernt. Geholfen hatte es nichts. Besonders quälte ihn, dass sie recht hatte. Er hatte die Zeremonie des Tötens zu lange hinausgezögert und war verhaftet worden, bevor er das Ritual vollenden konnte. Dass sein letztes Opfer überlebt hatte, war allein seine Schuld und ein unverzeihliches Sakrileg.
„Befreie mich von der verfluchten Frucht meines Leibes. Nichts ist an diesem, meinen Sohn heilig und rein ...“
Der Singsang bohrte sich in sein Gehirn und plötzlich war er wieder auf dieser gottverdammten Farm mitten im glühenden Nichts. Die Hitze der rissigen Erde drang durch die abgelaufenen Sohlen seiner Kindersandalen, und er stand wie angewurzelt vor dem Holzstock hinter der Scheune. Das Sirren der Axt in der unerbittlichen Hand seiner Mutter surrte in seinen Ohren wie ein bösartiger Wespenschwarm. Blut! Überall Blut, Tod und ...