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Leseproben aus Kinderbüchern

Puschel in Not



„Autsch!“
Die zehnjährige, zierliche Anne saß mit schmerzendem Hinterteil auf dem Sandboden und schaute sich erstaunt nach Puschel, einen dunkelbraunen Pony mit zotteliger, schwarzer Mähne um. Ihr Liebling hatte sie gerade in hohem Bogen auf die Erde befördert.
„Puschel! Wenn du mich noch einmal abwirfst, setzt es aber was!“
Der kleine Hengst galoppierte ans andere Ende der Koppel und keilte übermütig aus. Dann trabte er zurück und prustete Anne liebevoll ins Gesicht.
„Wenn du kein Pferd wärest“, rief sie erbost, „würde ich glatt denken du lachst mich aus!“
Puschel wieherte zustimmend. Anne unterdrückte ein Grinsen und war schon wieder versöhnt, Puschel war einfach ein Clown, trotzdem wollte sie es dem Ponyhengst nicht so leicht machen. Sie stand auf, schüttelte den Staub aus ihrem blonden Haarschopf und klopfte sich die Erdklümpchen vom Hintern. Aber natürlich spürte das Pony ihren Stimmungsumschwung und erkundete mit seiner vorwitzigen Nase ihre Jackentaschen. Resolut schob Anne Puschels dicken Kopf zur Seite. „Deine Leckerli kannst du dir abschminken!“
„Oho! Dunkle Wolken über dem Puschelhimmel! Unserem Räuber sticht heute gewaltig der Hafer, lehr ihm nur Mores, das schadet sicher nicht.“
Herr Semling, ein älterer Herr mit weißem Haarkranz um die Glatze, war ans Gatter getreten und beobachtete schmunzelnd die Szene.
„Ja, ja Puschel! Jetzt schaust du belämmert. Ich werde unsere Anne mit Kakao und Keksen verwöhnen und du hast das Nachsehen.“
Anne setzte sich auf die mit wilden Wein eingewachsene Veranda und Herr Semling stellte eine dampfende Tasse Schokolade auf den Tisch.
„Augenblick, ich habe noch Gebäck in der Küche.“
Herr Semling verschwand im Haus und Anne grinste. Sie wusste genau, wieso Opa Sem seine Kekse erst jetzt holte. Schon drängte sich eine kalte, feuchte Hundenase in ihre Hand. „Wenn es ums Fressen geht, kannst du wohl Gedanken lesen!“
Hans, der Schäferhundmischling, erwiderte ihren Blick mit schiefgelegtem Kopf und dem unschuldigsten Gesichtausdruck der Welt und auch der in seine Koppel verbannte Puschel wieherte sehnsüchtig zu Anne hinüber.
„Ihr zwei Fresssäcke! Nichts als Leckereien im Kopf.“ Anne blinzelte verschwörerisch. „Keine Angst, ich vergesse euch nicht.“
Das kleine Picknick war schnell vorbei und für Anne wurde es Zeit aufzubrechen. Sie kraulte Hans zwischen den Ohren und ging mit dem Hund zu Puschel, um auch ihn noch tüchtig zu zausen.
„Ihr süßen Lümmel! Ich hab euch beide unendlich lieb, gerade weil ihr nur Unfug im Sinn habt.“
Ein schnelles Küsschen auf Puschels warme Pferdenüstern und ein liebevoller Stups auf eine kühle Hundenase, dann verabschiedete Anne sich endgültig. Sie schwang sich aufs Fahrrad und winkte Herrn Semling zu. „Bis morgen!“
Anne bog in den kleinen Waldweg ein und war nicht mehr zu sehen. Sie ahnte nicht, dass am darauffolgenden Tag alles anders sein würde.